Verfasst von: Gunther | November 5, 2009

Vorwort

Aus dem Vorwort zur 1. Auflage

Von Pater J. B. Lohmann S.J. (†)

[…]

Es ist ein überaus kostbarer Schatz, der in diesem Büchlein niedergelegt ist, mein lieber Leser: Das Leben unsers Herrn und Heilandes Jesus Christus nach den vier Evangelisten. Allerdings nicht ein Leben in dem Sinne, in welchem man das Leben berühmter Männer zu schreiben pflegt mit allen Umständen, Ereignissen und Taten. Ein solches Leben wollten die Evangelisten nicht schreiben; sie wollten nicht alles mitteilen, was sie über das Leben des Welterlösers wussten, nicht alle seine Wunder erzählen, kein System seiner göttlichen Lehre aufstellen, nicht einmal alle Veranstaltungen erwähnen, die er zu unserm Heile getroffen hat. (Anm.: Denke nur an das heil. Sakrament der letzten Ölung, von dem der hl. Jakobus in seinem Briefe spricht. (5, 14ff.)) Der letzte der Evangelisten, der hl. Apostel Johannes, bezeugt am Ende seines Evangeliums ausdrücklich: „Es gibt aber auch noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wollte man das im einzelnen aufschreiben, so würde, glaube ich, die Welt die Bücher nicht fassen können, die zu schreiben wären.“ Und der hl. Paulus führt als Wort des Herrn an, was sich in keinem der vier Evangelien findet: „Seliger ist geben als nehmen.“ (Apgsch. 20, 35.) Die hl. Evangelisten wollten nur das Evangelium, die frohe Botschaft von der Erlösung durch Jesus Christus, die sie und andere rechtmäßig gesandte Glaubensboten mündlich verkündeten, auch schriftlich niederlegen, um die Welt zur Annahme desselben zu bewegen. Zu diesem Zwecke haben sie über das Leben Jesu Christi, seine Wunder und Taten so viel berichtet und von seinen göttlichen Offenbarungen so viel mitgeteilt, als zur Begründung und Befestigung des Glaubens an seine Gottheit, seine Lehren und an die von ihm gegründete Heilsanstalt, unsere heilige katholische Kirche, notwendig und hinreichend war. Deshalb pflegte man schon in den ersten Jahrhunderten den Büchern der Evangelisten die Überschrift zu geben: „Das heilige Evangelium nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.“ Alles nun, was die vier Evangelisten in ihr Evangelium aufgenommen haben, findest du, mein lieber Leser, in diesem Büchlein, und in diesem weiteren Sinne des Wortes ist es ein Leben Jesu Christi nach den vier Evangelisten.

Ich sage „nach den   v i e r   Evangelisten.“ Es ist ja eine bekannte Tatsache: nicht alles, was   e i n   Evangelist uns mitgeteilt hat, findet sich auch in den übrigen Evangelien. So hat, um Beispiele anzuführen, der hl. Matthäaus allein uns den von den Heiden angebeteten, aber von den Juden verfolgten Messias geschildert, indem er die Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und die Ermordung der unschuldigen Kinder erzählt. Nur dem hl. Lukas verdanken wir den so überhaus wichtigen und lieblichen Bericht lüber die wunderbare Geburt des Vorläufers, den Gruß des Engels an die seligste Jungfrau, ihren Besuch bei Elisabeth, die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem, die Anbetung der Hirten, die Beschneidung und Darstellung des göttlichen Kindes im Tempel, das Zurückbleiben des Jesuskindes bei der Wallfahrt nach Jerusalem und sein verborgenes Leben zu Nazareth. Dieser Evangelist allein hat die Heilung des Wassersüchtigen am Sabbat, die Gleichnisrede von den ersten Plätzen beim Gastmahle und die herrlichen Parabeln von dem unfruchtbaren Feigenbaum, dem großen Abendmahle, dem verlorenen Schafe, der verlorenen Drachme, dem verlornen Sohne, dem ungerechten Verwalter, dem reichen Manne und dem armen Lazarus, dem unbarmherzigen Knechte, dem ungerechten Richter und vom Pharisäer und Zöllner in sein Evangelium aufgenommen. Ebenso lesen wir edie für die apostolischen Arbeier so lehrreiche und wichtige Parabel von der wachsenden Saat nur bei dem hl. Markus. Endlich erzählt uns der letzte der Evangelisten allein die Gesandtschaft des Hohen Rates an den Täufer, die erste Berufung der Jünger, die Hochzeit zu Kana, die erste Tempelreinigung, das nächtliche Gespräch des Herrn mit Nikodemus, seine ungefähr acht Monate dauernde Wirksamkeit in der Landschaft Judäa, das Gespräch mit der Samariterin, die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten in Kapharnaum und die so unendlich wichtigen Lehrvorträge und Taten, die sich an das zweite Osterfest und an das Laubhütten- und Tempelweihfest im letzten Jahre seines öffentlichen Lebens knüpften, sowie die so folgenschwere Auferweckunfg des Lazarus und die Einkehr des Heilandes in Bethanien vor seinem feierlichen Einzuge in Jerusalem. Und so könnte man noch manches anführen, was von eniem Evangelisten berichtet, vom andern übergangen ist. In diesem Büchlein ist alles vereinigt, was sich überhaupt in den vier Evangelien findet. Nichts ist hinzugefügt, nichts ist ausgelassen, kein Satz, kein Wort, das für den Sinn des Mitgeteilten von Bedeutung ist.

Gar oft berichten auch zwei oder drei oder gar alle vier Evangelisten dieselbe Tatsache, dasselbe Wunder, dieselbe Parabel, allerdings manchmal jeder in seiner Weise, indem der eine einen Umstand auslässt, den der andere mitteilt, wie es dem besondern Zwecke seines Evangeliums entspricht. Ganz besonders lesen wir bei allen Evangelisten einen mehr oder weniger ausführlichen Bericht über das bittere Leiden, den Tod und die Auferstehung unsers göttlichen Heilandes. In solchen Fällen ist aus den verschiedenen Berichten und Erzählungen ein einziger fortlaufender Text hergestellt, so dass kein Gedanke und soviel als möglich auch keine Schattierung eines Gedankens, die sich bei einem der heiligen Schriftsteller finden, vernachlässigt und übergangen ist.

Dieses Büchlein bietet dir, lieber Leser, nicht bloß den ganzen Inhalt der vier heiligen Evangelien, sondern gibt denselben auch in geschichtlicher Aufeinanderfolge. Deshalb führt es den Untertitel: „Eine Evangelienharmonie“. Darunter versteht man nämlich heutzutage eine aus den vier Evangelien zusammengestellte fortlaufende Erzählung des Lebens Jesu in geschichtlicher Aufeinanderfolge, so dass z. B. die Anbetung der Weisen nicht vor, sondern nach der Darstellung im Tempel erzählt wird, weil die Weisen tatsächlich erst in Bethlehem eintrafen, als das göttliche Kind bereits im Tempel dargestellt war. Es hat viele Jahrhunderte gedauert, bis man die richtigen Grundsätze erkannte, die bei der Abfassung einer Evangelienharmonie zu befolgen sind. Allzulange war man in dem Irrtum befangen, keiner der Evangelisten habe in seinem Evangelium eine streng geschichtliche Ordnung. Jetzt ist man aber vollständig überzeugt, dass der hl. Lukas in streng geschichtlicher Reihenfolge erzählt, dass auch der hl. Johannes die Zeitfolge einhält und dass der hl. Markus inbezug auf die Ordnung durchweg mit Lukas übereinstimmt, obwohl die Auswahl des Stoffes mit dem Evangelium des heiligen Matthäus übereinstimmt. Ebenso ist man überzeugt, dass der hl. Matthäus in einem bedeutenden Teile seines Evangeliums (4, 23 – 14,1 ) den evangelischen Stoff nicht nach historischen, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet hat und zwar ganz in Übereinstimmung mit dem nächsten Zwecke seines Evangeliums, seine Landsleute, die Juden in Palästina, zu überzeugen, dass Jesus von Nazareth, den sie während seines sterblichen Lebens misskannt und verfolgt hatten, in Wahrheit der den Patriarchen verheißene und von den Propheten vorausgesagte Messias und Erlöser der Welt ist. Was dieser Evangelist in den genannten Kapiteln berichtet, muss also den Berichten der anderen Evangelisten am rechten Orte eingefügt werden. Durch Anwendung und genaue Befolgung dieser Grundsätze, die von vielen katholischen Schrifterklärern als richtig anerkannt sind, ist diese Evangelienharmonie entstanden.

Eine solche Evangelienharmonie hat aber offenbar sehr großen Nutzen, lieber Leser.

Zunächst wird dadurch der handgreifliche Beweis erbracht, dass sich die Evangelisten nicht widersprechen, was nichtkatholische Gelehrte so oft behauptet haben und auch jetzt noch behaupten, sondern einander ergänzen, und dass sich namentlich das vierte Evangelium überall ergänzend und erklärend an die Darstellung der drei ersten Evangelien anschließt. In der Tat überzeugt man sich bald, wenn man nur genauer zusieht und ein nicht durch Vorurteile getrübtes Auge hat, dass die verschiedenen Berichte zu und in einander passen, wie die Finger der einen Hand in die der anderen. Gewiss ist diese Tatsache schon durch den göttlichen Charakter der Evangelien für uns Katholiken hinlänglich bezeugt, denn die Evangelisten haben sie auf Antrieb und unter dem Beistande und der Leitung des Heiligen Geistes verfasst: allein den Gegnern unseres heiligen Glaubens gegenüber ist es angezeigt, dies auch durch Vereinigung der vier Evangelien zu einem einzigen augenscheinlich darzutun. Schon der hl. Augustinus (gest. 430) hat ein herrliches Buch: „Über die Übereinstimmung der Evangelisten“ zu dem Zwecke geschrieben, um nachzuweisen, „wie alles, was die vier Evangelistern über Christus geschrieben haben, mit einander übereinstimmt, damit nicht solche, deren Wissbegierde größer ist als ihre Einsicht, an ihrem christlichen Glauben Schaden leiden, indem sie nach einer flüchtigen Durchlesung, anstatt nach einem sorgfältigen Studium der Evangelien, gewisse Ungereimtheiten und Widersprüche zu entdecken meinen und dann glauben, diese Sachen als Streitobjekte benutzen zu sollen, anstatt sie mit Vernunft zu erwägen.

Ferner führt uns eine Evangelienharmonie in den wunderbaren Plan ein, der in dem irdischen Leben Jesu Christi und in der stufenweisen Mitteilung der göttlichen Wahrheiten herrscht. Dieses Leben ist ja nichts anderes als die Verwirklichung und Ausführung des göttlichen Ratschlusses, eine staunenswerte Offenbarung der göttlichen Weisheit, Liebe und Barmherzigkeit. In demselben ist deshalb nichts zufällig, nichts, das der göttlichen Weisheit weniger entsprechend wäre. Gerade die Darstellung der zeitlichen Aufeinanderfolge der einzelnen Begebenheiten, Wunder und Lehrvorträge wirft auf dieselben manchmal ein helles Licht und führt tiefer in ihr Verständnis ein. Ganz besonders gilt dies von all den Taten und Lehren, welche die Heranbildung und Unterweisung der Apostel, namentlich des hl. Petrus betreffen, der nadch der Himmelfahrt des Herrn als dessen sichtbarer Stellvertreter auf Erden das oberste Hirtenamt bekleiden sollte.

Endlich setzt eine Evangelienharmonie uns instand, das ganze irdische Leben Jesu Christi, des Gottmenschen, der uns Lehrer, Beispiel und Erlöser geworden ist, an dem Auge unseres Geistes vorübergehen zu lassen und uns ganz, mit Verstand, Wille, Gemüt und Phantasie in dasselbe hineinzuversetzen und hineinzuleben. Tun wir aber das, so kann es mit dem Beistande der göttlichen Gnade nicht fehlen, dass wir im Glauben an seine wahre Gottheit und wahre Menschennatur, an seine Lehren, Verheißungen und Drohungen, an seine erhabenen Sittenvorschriften und Veranstaltungen befestigt werden; dass unser Vertrauen auf inh, dessen unbeschreibliche Güte und Großmut und herzgewinnende Liebenswürdigkeit uns aus den Evangelien so klar entgegenleuchtet, gestärkt, dass unsere Liebe zu ihm, der uns mit ganz maßloser Liebe geliebt hat und liebt, mehr und mehr entflammt wird, und dass diese Liebe sich in eifriger Nachahmung seines hehren Tugendbeispiels betätigt.

[…]

A a r h u s   (Dänemark), am Feste der hh. Apostel Simon und Judas 1902.

Der Verfasser.

***

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